Stadtratssitzung in Tulpenheim -

    Politik selbst erleben

     

    Zum Sozialkundeunterricht der 10. Klasse gehört die Auseinandersetzung mit Politik auf verschiedenen Ebenen. Aus trockenem Lernstoff will die 10a gemeinsam mit ihrer Lehrerin Frau Haubner Praxis machen. Ist Politik wirklich so simpel, wie es den Anschein hat? Um das herauszufinden, beschließt die Klasse, selbst eine Stadtratssitzung abzuhalten.

     

    Der Klassenraum ist von fröhlicher Geschäftigkeit erfüllt. Schüler stehen in Gruppen zusammen und vergleichen laminierte Karten oder verrücken gemeinsam Tische und Stühle.

    Schauplatz der Stadtratssitzung soll der fiktive Ort Tulpenheim sein. Diskutiert wird die Schließung des aus finanziellen Gründen nicht mehr tragbaren Jugendhauses. Einige Fraktionsvertreter und Experten sind vor Ort, sowie Presse und Polizei. Jeder Schüler ist per Los einer dieser Interessengruppen zugewiesen worden und arbeitet nun mit Hilfe einer Rollenkarte seinen Standpunkt heraus.

     

    Der Bürgermeister, bereits vorab demokratisch von der Klasse gewählt, eröffnet die Sitzung im „Plenum“. Das erste Statement kommt von der Stadtkämmerei, die einen finanziellen Überblick gibt. „Der Erhalt des Jugendhauses übersteigt unsere finanziellen Mittel. Der Haushaltsplan für das kommende Jahr verlangt uns einige Kürzungen ab, denen das Jugendhaus zum Opfer fallen wird“, lautet das Fazit. Der Bürgermeister fordert die Vertreter der anwesenden Parteien auf, ebenfalls Stellung zu nehmen. Nun bekommen die Schüler die Möglichkeit, den anderen ihre Meinung, entwickelt unter Einbezug der ihnen zugeteilten Rolle, vorzustellen. Die CDU verkündet sofort ihre Zustimmung: „Das Jugendhaus erreicht doch sowieso nur noch vereinzelte Jugendliche, das Geld wäre sinnvoller in Bildung zu investieren“, lautet ihr Urteil. Abgesehen von der SPD, die sich der Debatte geschickt entzieht, wird der Aussage des CDU-Vertreters mit allgemeiner Empörung begegnet. Die Grünen, Freie Wähler und Junge Bürger sprechen sich geschlossen für den Erhalt des Jugendhauses aus. Habe das Jugendhaus nicht eine lange Tradition und man selbst dort gemeinsam viele Jahre verbracht? Eine Sprecherin weist auf die ansonsten stark beschränkten Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung hin: „Wir fordern nicht nur den Erhalt, sondern eine grundlegende Neugestaltung und Sanierung!“

    Der Auftritt des Vorstandes vom Gas- und Wasserwerk spitzt die Lage erneut zu. Eine sofortige Sanierung des Klärwerks, erforderlich, um die Qualität des Trinkwassers von Tulpenheim auch weiterhin zu gewährleisten, verschärft die finanzielle Lage der Stadt.

    Erschöpft von den scheinbar unlösbaren Problemen und dem starken bayrischen Dialekt des Vorstandes, ruft der Bürgermeister ein kurze Diskussionsunterbrechung aus.

     

    Während sich die Schüler erneut versammeln, bewertet Frau Haubner den bisherigen Verlauf des Projekts: „Die Rollenkarten waren eigentlich auf eine sehr ausgewogene Diskussion ausgerichtet. Es ist überraschend für mich, auf welche Art die Vorgaben interpretiert werden. Aber es hat auf jeden Fall eine lebhafte Debatte zur Folge und besonders die CDU hält sich trotz ihres isolierten Standpunktes ausgesprochen gut.“

     

    Nach der Pause geht es in eine hitzige nächste Runde. Nun hat sich jeder etwas in die eigene Position eingelebt und alle sind mit Feuereifer dabei. Eine Zusammenfassung des Bürgermeisters holt alle zurück ins Geschehen. Der Bürgermeister äußert, dass er die Priorität in der Sanierung des Klärwerks sehe. Immerhin ginge es um die Entscheidung zwischen sauberem Trinkwasser oder der Beschäftigung von Jugendlichen. Da diese aber selbst sauberen Wassers bedürften, läge die Entscheidung wohl auf der Hand…

    „Was würde dieser Entschluss aber für soziale Randgruppen bedeuten?“, schaltet sich die Presse, bisher stille Beobachter, zum ersten Mal ein. Der allgemeine Meinungskonsens erkennt hier ein schwerwiegendes Problem. Die Freien Wähler schlagen eine Finanzierung durch Spenden der Eltern vor. Die CDU weist auf die somit entstehende Belastung sozial schwacher Familien hin. Das Geld solle lieber direkt diesen zu Gute kommen. Die Jungen Bürger geben zu bedenken, dass diese Zahlungen in erster Linie die Eltern und nicht direkt die Kinder erreichen würden. „Naja, unsere Wählergruppe sind ja auch die Eltern, nicht die Kinder“, verkündet die CDU trocken.

    Ein Pressereporter wirft ein: „Wäre es nicht möglich, beides zu finanzieren? Die Gelder je zur Hälfte auf beide Projekte aufzuteilen?“

    „Wie gesagt, wird es bereits kritisch für uns, eines der Projekte selbstständig umzusetzen… Außerdem: Eine Kläranlage, die nur halb funktioniert,...is blöd“, befindet die Stadtkämmerei.

    „Man könnte auch einfach das Jugendhaus verkaufen und davon die Kläranlage finanzieren“, wirft die CDU brüsk in die Runde. „Aber die Kinder…!“.„Die saufen in dem Jugendhaus doch eh nur oder nehmen Drogen!!“, meldet sich der CDU-Sprecher erneut zu Wort. „Das tun sie doch auf der Straße auch“, kommentiert ein soeben hinzugezogener Polizist. „Na dann schließen wir doch gleich auch noch die Straßen!“ „Also man muss schon sagen, wir haben aktuell in der Tat große Probleme mit der Drogenszene. Wir kontrollieren das natürlich strengstens, aber Alkohol und Cannabis in einem gewissen Rahmen sind ja auch irgendwo okay. Die Polizei ist jedenfalls für den Erhalt des Jugendhauses und wird diesen durchsetzen, mit oder ohne Gewalt, da sind wir flexibel. Dankeschön!“ Durch dieses Plädoyer leicht irritiert weisen die Grünen auf die Möglichkeit hin, die Jugendlichen in Eigenarbeit für die Restaurierung sorgen zu lassen. „Schlagen Sie etwa Kinderarbeit vor?“ (Presse). „Ach die können doch nix!“(CDU). „Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sind Sie kinderfeindlich?“, wendet sich die Presse direkt an den CDUler. Dieser weist den Vorwurf empört von sich. Man habe immerhin selbst vier Kinder, die ihre Freizeit auf Bergtouren oder in der Kirche verbrächten, anstatt in einem Jugendhaus zu verkommen.

    Der Jugendrat unterbricht den Streit, indem er erneut auf den hohen erzieherischen Wert des Jugendhauses hinweist und einen Bericht über die stetig steigende Nutzung ablegt. Es wird an die Mitarbeiter des Jugendhauses übergeben, die alle effizienten Einsparmöglichkeiten listen und im Verkauf selbst produzierter Kunst den Schlüssel sehen, die fehlenden Gelder auszugleichen.

    Nicht vollends überzeugt, dafür leicht erschöpft vertagt der Bürgermeister kurzerhand die Abstimmung und erklärt die Sitzung für beendet.

     

    Im Hinausgehen lässt jeder seine Rollenkarte in einen an der Tür platzierten Karton fallen.

    „Ich würde das jederzeit gerne wiederholen“, erzählt eine Schülerin, „Es hat wirklich Spaß gemacht, mal ernsthaft diskutieren zu können und sich mit einem durchaus realistischen Thema so genau zu beschäftigen. Nicht zuletzt lernt man bei solchen Projekten auch immer wieder sich selbst und seine Mitschüler von einer ganz anderen Seite kennen.“

    Mit dieser Aktion endet für die Schüler und Schülerinnen der 10a der diesjährige Sozialkundeunterricht. Bestimmt hat diese spielerische Erfahrung den ein oder anderen der Politik näher gebracht oder dazu angeregt, sich auch selbstständig damit auseinanderzusetzen.

     

    Lea Aures, 10a